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Märkische Allgemeine
Neue Nauener Rundschau 04.01.1992
Ein vergessenes Dorf hofft dennoch auf Touristen
Von den 610 Bredowern ist schon heute ungefähr die Hälfte ohne festen Arbeitsplatz, und ihre Zahl scheint noch zu wachsen.
Fährt man auf der Eisenbahnstrecke Nauen - Berlin - Spandau wenige Minuten, so erreicht man das Dorf Bredow. So gut wie nie verläßt hier jemand den Zug,
selten steigt einer zu. Sobald der Doppelstöcker eingefahren ist, kommt der Bahnhofswärter gemächlich aus seinem Häuschen, schaut einmal die Wagen
auf und ab und gibt das Signal zur Weiterfahrt. Dann bleibt er noch einen Moment stehen, blickt dem ausfahrendem Zug nach und kehrt in sein Häuschen zurück, das
er in einer Stunde zum gleichen Zweck wieder verlassen wird.
Der Weg ins Dorf führt über schlammige, ausgetretene Pfade vorbei an kleinen Gärten, entlang an selbstgebauten Ställen, in denen Gänse gehalten
werden, und irgendwo in der Ferne bellt ein Hund. Viel Natur und Ruhe, kein Mensch ist unterwegs. Man möchte glauben, es sei die klassische Idylle.
Doch so rosig sieht es in dem alten Ritterort Bredow, erstmals 1251 erwähnt (Anm. 2009: 1208 ist richtig), nicht aus, und davon weiß auch der Bürgermeister Dietrich Grunwald ein Lied zu singen. Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot seien die drängendsten Probleme. Er spricht
aber auch von fehlenden Geldern für dringend notwendige Modernisierungsarbeiten an Gebäuden sowohl bei den Außenfassaden als auch innen, was die
sanitären Anlagen betrifft - nur etwa die Hälfte der 270 Wohnungseinheiten hat eine Innentoilette, noch nicht einmal ein Zehntel fließend warmes
Wasser.
Das Arbeitszimmer im Haus des Gemeinderates hat sich Dietrich Grunwald nach seinem Geschmack eingerichtet. Neben Souvenirs an der Wand und im Regal aus dem Westort Burbach - heute die Partnergemeinde Bredows (Anm. 2009: Auf der Internetseite Burbachs findet sich dafür keine Bestätigung.) - finden sich auch zwei Bände von Fontane. Auf
dem Besuchertisch steht ein kleiner Strauß frischer Blumen in einer Vase, auf der Schreibtischplatte private Andenken und Kleinigkeiten.
Der gelernte Elektroingenieur, der sich selbst als deutschnational bezeichnet, ist seit 1988 Bürgermeister von Bredow. 1990 wurde er in freier und geheimer Wahl im Amt
bestätigt. Zu DDR-Zeiten war er Mitglied der SED, nach der "Wende" sofort ausgetreten, ist er jetzt parteilos. Offen gibt er zu, daß er schon in den 50er Jahren der
Partei beigetreten war, um nicht Nachteile in der beruflichen Laufbahn zu riskieren, denn sein Vater war bei der SS-Heeresabnahme gewesen.
Um acht Uhr früh fängt sein Dienst an, meistens bleibe er bis 18 Uhr, wenn es nicht anders gehe, könne es auch schon mal halbneun werden, manchmal sogar
noch später. Eine 60-Stunden-Woche sei keine Seltenheit. Bei den Problemen, die sich auf Dietrich Grunwalds Schreibtisch häufen und fast unüberwindbar
scheinen, liegt die Frage nach dem Aufgeben nahe. "Noch habe ich nicht resigniert, aber ich bin kurz davor."
Eine besondere Altlast der DDR ist der Alkoholismus, der überall in den neuen Bundesländern - noch zusätzlich verschärft durch die ständig
zunehmenden Schwierigkeiten - anzutreffen ist. Auch in Bredow? Dietrich Grunwald sagt: "Alkohol tötet die Aggressionen ab - da haben wir auch mal einen genommen. Man
hat's oft nicht anders ausgehalten. Das war eine Flucht, denn ab einem gewissen Punkt hat man die Nase voll."
Das größte Hindernis auf dem Weg zur Lösung all der anstehenden Probleme sin die fehlenden Finanzmittel. Da müsse man improvisieren, näher wolle
er sich dazu aber nicht äußern. Besonders wütend ist der Bürgermeister auf das Landratsamt, das Bredow nicht unterstütze. Auf
Fördermittelnaträge, Anfragen beim Dezernenten für Wirtschaft und einen erstellten Flächennutzungsplan sei entweder ablehnend oder überhaupt
nicht reagiert worden. Parteipolitische Interessen führten zu Fehlentscheidungen, zumal die "alten Seilschaften" noch immer am Ruder seien. Das alles kümmert die
Bredower wenig, wenn sie mit ihren Sorgen zu Dietrich Grunwald kommen. Seien es die Mieterhöhungen oder die untragbaren Wohnverhältnisse, fehlende Telefone,
die katastrophale Infrastruktur (unbefestigte Straßen ohne Gehweg und Beleuchtung) oder das nitratverseuchte Grundwasser - guter Rat ist nicht so einfach. Immer
wieder weist er die Bürger darauf hin, Wohngeldanträge zu stellen und sich auch selbst zu informieren, denn jedem einzelnen könne er die Formulare nicht
ausfüllen. Und dann ist da natürlich die Arbeitslosigkeit. Von den 610 Bredowern ist heute ungefähr die Hälfte ohne Erwerbstätigkeit, und ihre Zahl
wächst noch.
GmbH wäre die Rettung
Schräg gegenüber vom Gemeindeamt hat die LPG (Wikipedia) ihren Sitz.
Edeltraud Hellendrunk ist in der Lohnbuchhaltung beschäftigt. Sie ist eine von knapp 50 Mitarbeitern, die ihren Arbeitsplatz behalten haben, doch fürchtet sie, zu den
Kollegen zu gehören, die schon bald auf der Straße stehen werden, denn die Belegschaft soll noch einmal um die Hälfte reduziert werden. "Die jüngeren
Handwerker habenm fast alle wieder Arbeit gefunden. Viele pendeln täglich nach West-Berlin. Aber wer will mich mit über 50 noch mal einstellen."
Ursprünglich waren in der LPG die Pflanzen- und die Tierproduktion zusammengefaßt. Mitte der 70er Jahre war die Pflanzenproduktion, die die größten
Gewinne erwirtschaftete, nach Zeestow umgesiedelt worden. Bis zum Ende der DDR (Wikipedia) arbeitete die Genossenschaft, die seitdem nur noch für die Tierproduktion zuständig war, mit hohen
Verlusten. Unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft ließen sich die ehemals 200 Mitarbeiter nicht mehr halten, es mußte rationalisiert werden. Als letzte
Chance vor dem drohenden Untergang, bleibt die Möglichkeit, ihn in eine GmbH umzuwandeln.
Wirft man einen Blick auf die vorhandenen Anlagen der LPG, möchte man an diesem Vorhaben jedoch zweifeln. Verschrottete Traktoren, zerstochene Reifen, Müll und
verrostetes Gerät sind auf dem Gelände verstreut.
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